Bahn › Geschichte

Premiere auf dem Mühlenkamp

Ein Pferd, das sich Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auszeichnete, war Polly, die mit 34 000 Mark das gewinnreichste Pferd des Jahres war. Die Hamburger bekamen die Stute auch auf dem Mühlenkamp zu sehen, wo sie sich mit dem Amerikaner Joy Raymer ein Handicap über 4.200 Meter holte. Die Abstammung von Polly war lange unbekannt, später entpuppte sie sich als die berühmte Utopia aus Rochester, New York. Polly gewann in Russland auch den Großen Preis von Moskau.

Bahrenfeld - im Spiegel der Jahrzehnte

Der Norddeutsche Renn- und Traber-Club hatte in Bahrenfeld die neue Bahn erbaut. Sie hatte eine Länge von 1320 Metern. Das Ziel und Richterhaus bekamen ihren Platz vor der ersten Tribüne. Premiere war am 20. Juni 1880. Ein bedeutsamer Tag für den Trabrennsport im Raum Hamburg. Damals lag Bahrenfeld zwar noch auf preußischem Gebiet, doch diese Trabrennbahn befand sich immerhin vor den Toren Hamburgs. Die Besucherzahlen waren enorm, trotz Eintrittspreisen, von denen man heute nur träumen kann: so kosteten Logenplätze 1880 um die 6 Mark, die erste Tribüne 4 Mark und für die zweite Tribüne musste man noch 3 Mark Eintritt zahlen. Wenn man es in die heutige Zeit umrechnen würde, müsste man die damaligen Eintrittsgelder locker mit dem Faktor 30 multiplizieren - allerdings in EURO!

Der erste Sieger in Bahrenfeld hieß Silas Rich. Er gewann als Favorit auch gleich das Eröffnungsrennen. Das Hauptereignis aber war der Germania-Preis, der mit 3.000 Mark dotiert war, von denen der Sieger allein 2.200 Mark erhielt - allerdings mit einem kleinen Haken. Die Distanz für das Rennen betrug 2600 Meter. Wollte der Sieger den vollen Preis erhalten, musste er diese Strecke in 4 Minuten und 36 Sekunden zurücklegen. Benötigte er 4 Minuten und 40 Sekunden, so verringerte sich der Preis schon auf 800 Mark. Bei 4 Minuten und 55 Sekunden auf 600 Mark und bei 5 Minuten und darüber auf 500 Mark. Zugelassen waren zu diesem Rennen nur Pferde, die in Deutschland oder Österreich-Ungarn gezogen waren. Es gab einen überlegenen Sieg des Wallach »Frühling«, der die vorgeschriebene Zeit erreichte und so den vollen Preis ausgezahlt bekam.

Am nächsten Tag schrieb die Hamburger Zeitung: »Der Norddeutsche Renn- und Traber-Club eröffnete seine Rennunternehmen auf der Bahrenfelder Bahn unter ebenso günstigen Verhältnissen wie Erfolgen. Der Besuch der Rennbahn, namentlich auch von der Damenwelt, war so zahlreich, dass die Tribünen die Menge kaum fassen konnten. Die Rennen verliefen in bester Ordnung und ohne Unfall.«

Um dem wachsenden Rennbetrieb in Bahrenfeld Herr zu werden, stellte man einen Clubtrainer ein - Anthony Mills, der auf seinen Wunsch hin eine eigene Wohnung auf der Rennbahn bekam. In dieser wurde 1898 auch sein Sohn, der legendäre Charlie Mills geboren.

1888 wurden in Bahrenfeld neun Renntage mit 45 Rennen durchgeführt, für die 33.100 Mark an Preisen ausgesetzt wurden. Drei Jahre später betrugen die Rennpreise für nur drei Rennen mehr bereits 75.000 Mark im Jahr. Man bedenke auch hier wieder den Faktor 30 - Zeiten, von denen die Pferdebesitzer heute nur träumen können.

Die Legende: Charlie Mills

Wenn es um Idole im Trabrennsport geht, fällt neben »Hänschen« Frömming stets Charlie Mills in einem Atemzug. Kaum ein anderer Trainer und Fahrer in der langen Geschichte des Trabrennsports agierte mit einem ähnlichen Erfolg wie der 1888 auf dem Gelände der Hamburger Trab-Arena geborene Gewinner von 4.364 Rennen. In welchem Land Charlie Mills auch aktiv war, mit revolutionären Ideen verbesserte er die Trainingsmethoden und führte zahlreiche Pferde, von denen hier stellvertretend die »Prix d´Amerique-Sieger Walter Dear, Fortunato II und Gelinotte genannt seien, an die Weltspitze.

Bei der Wiedereröffnung der Rennbahn in Bahrenfeld am 5. Juli 1953 wurde zu Ehren von Charlie Mills eine Gedenktafel an der Stelle enthüllt, an der einst sein Geburtshaus stand. Dieses feierliche Ereignis wurde durchgeführt vom ARC-Vorstand vertreten durch Arthur Brümmer (links) und Walter Eckelmann (rechts neben Charlie Mills). Diese Gedenktafel befindet sich übrigens heute noch direkt am Haupteingang.

Knapp über 20 Jahre alt war Charlie Mills, als er 1910 mit Raute sein erstes Blaues Band gewinnen sollte. Es folgten acht weitere Sieg im Deutschen - sowie drei Erfolge im Österreichischen Derby.

Nachdem ein Großteil seiner Pferde - auch Walter Dear und sein Sohn Probst verschwanden spurlos - als Kriegsbeute verloren gingen, verließ er 1947 Deutschland, um sich, fast 60 Jahre alt, in Frankreich niederzulassen. Sein Gestüt in Chamant erlangte bald hohes Ansehen und die Boxen füllten sich mit excellentem Material. Schnell stellten sich Triumphe in den größten Rennen ein und bis zu seinem letzten französischen Elitepferd Vat war er für zahlreiches Cracks verantwortlich. Auch bei den Wettern genoß der gebürtige Bahrenfelder mit dem irischen Pass großes Vertrauen, ging er doch auch in den Pariser Mammutfeldern meist als Favorit an den Ablauf.

Wiederholt kam Charlie Mills zu Gastspielen nach Deutschland, wo er immer begeistert empfangen wurde.

Als Charlie Mills am 7. Juni 1972 in einem Schweizer Hospital im Alter von 84 Jahren verstarb, verlor der internationale Trabrennsport eine seiner führenden Persönlichkeiten.